Das Wesen der Digitalisierung

Digitalisierung ist ein Mega-Buzzword. Politiker, Verbände, Unternehmer und Experten nutzen diesen Begriff exzessiv und können ihn doch nicht erklären. Die Digitalisierung trägt einen Schleier, der ihr Wesen verhüllt. Eine einfache Analogie kann diesen Schleier lüften und wichtige Voraussetzungen für die digitale Transformation aufdecken.

Politiker bezeichnen die Digitalisierung als das nächste Zukunftsthema, Wirtschaftsforscher warnen vor Wettbewerbsverlust, Verbände fordern massive Unterstützung, Strategieberater sehen Defizite und die Unternehmer, sie zögern. Es ist eine bunte Mischung an Meinungen und Forderungen, die sich rund um die Digitalisierung einstellt.

Das Wesen der Digitalisierung zu erfassen, ist nicht so einfach. Viele der Digital-Experten präsentieren stundenlang die Erfolge der großen Internetgiganten oder verweisen auf die Geschäftsmodelle von Booking.com, Airbnb und Uber. Dabei erklären sie nur die Funktionsweise der Plattformen und verkennen das Wesen des digitalen Zeitalters.

Die zahlreichen Technologieanbieter dagegen nutzen eine endlose Liste an Zukunftstechnologien, die die Digitalisierung ausmachen sollen. Mit noch mehr Buzzwords und kryptische Abkürzungen präsentieren sie ihre IT-Systeme, die natürlich für die Digitalisierung gebraucht werden. Doch die Technologie ist ein Enabler und keine Antwort.

Weder die Auflistung der Technologien noch der Blick auf die Internetgiganten tragen dazu bei, die eigene digitale Strategie zu finden. Sie bestätigen aber, dass die digitale Transformation erstens möglich und zweitens erfolgreich sein kann.

Digitalisierung verstehen

Was helfen kann, ist das Wesen des digitalen Zeitalters klar zu beschreiben. Im Rahmen der Forschung hat sich die folgende Definition für die Digitalisierung als nützlich erwiesen:

„Die Digitalisierung ist die Technologie, die weltweit Menschen, Unternehmen und Produkte vernetzt und die Speicherung, die Verarbeitung und den Austausch von Informationen in elektronischer Form ermöglicht.“

Dieser Artikel versucht, diese Definition zu begründen und die Digitalisierung anhand einer einfachen Armbanduhr zu erklären. Beginnen wir in drei Schritten die Digitalisierung zu untersuchen!

Analoge Uhr

Die klassische analoge Uhr besteht aus einem mechanischen Uhrwerk, einem Zifferblatt und zwei Zeigern. Die Zeiger – einer für die Stunden und einer für die Minuten – umrunden das Zifferblatt und veranschaulichen die Zeit. Doch jede analoge Uhr bleibt ein isoliertes Instrument. Sie zeigt eine beliebige Zeit, welche selten korrekt sein muss.

Digital-Uhr

Die Digital-Uhr der 80er Jahre vermittelt die Zeit in Form eines 7-Segment-LCD. Die analogen Zeiger sind verschwunden und die Zeit springt jetzt im Sekundentakt. Viele Digital-Uhren besitzen zusätzlich eine Stoppuhr, welche die Dauer zwischen Start und Stopp einmalig erfasst.

Jeder kennt die Digital-Uhr, doch ist sie keinesfalls digital, denn sie arbeitet genauso entkoppelt von der Welt wie eine analoge Uhr. Bei der Digital-Uhr handelt es sich um eine analoge Uhr mit digitaler Anzeige.

Digitalisierung leicht erklärt

Fitniss-Tracker

Der Fitness-Tracker ist disruptiv, denn sein vollständiger Microcomputer mit integriertem Internetzugang ist dem primitiven Rechenwerk der Digital-Uhr überlegen. Die Uhrenindustrie fürchtet diesen neuen und disruptiven Mitbewerber.

Der Tracker ist eine Armbanduhr mit Zusatzfunktionen. Diese haben es in sich, beginnen wir mit dem Offensichtlichen – der Zeit: Die Zeit, die im Übrigen das Datum einschließt, wird über ein drahtloses Netzwerk mit einem zentralen Server synchronisiert und passt sich automatisch der lokalen Zeitzone des Nutzers an. Der zentrale Server wiederum bezieht seine Zeit im Standardformat UTC (Coordinated Universal Time) von einer hochpräzisen Atomuhr. Alle Tracker laufen genau, synchron und nutzen ein standardisiertes Format.

Der Fitness-Tracker kann über das orbitale Satellitensystem GPS (Global Positioning System) die geografische Lokation (Längen- und Breitengrad) erfassen. Mithilfe eines externen Web Service wird die Lokation in einer Karte anschaulich dargestellt. Ein weiterer Web Service liefert zusätzlich die aktuellen Wetterdaten für den Standort. Außerdem besitzt der Tracker interne Sensoren, die zum Beispiel die Herzfrequenz messen. Beginnt der Sportler sein Lauftraining, protokolliert der Tracker Datum, Start- und Stoppzeit, den Verlauf der Strecke, den Verlauf der Herzfrequenz und das Wetter. Der Tracker ist digital, denn er erfasst, speichert und tauscht Informationen aus.

Kriterien der Digitalisierung

Worin besteht nun der große Unterschied zwischen einer analogen Uhr bzw. digitalen Uhr und einem Fitness-Tracker? Alle drei Uhren erfüllen ihren Zweck und zeigen die Zeit an.

Die Definition zur Digitalisierung beinhaltet drei Attribute, welche alle erfüllt sein müssen, um den Gegebenheiten der Digitalisierung zu entsprechen.

Speichern

Analoge Werte werden zunächst in ein digitales Format umgewandelt, um sie als Datensatz speichern zu können. Für die weitere Nutzung der Daten ist es notwendig, diese über ihren Kontext zu standardisierten Informationen zu erheben. Hierzu zählen alle physikalischen Größen (zum Beispiel 27 Grad Celsius), welche aus einem Zahlenwert und einer Maßeinheit bestehen oder andere etablierte Standardformate, wie das JPEG-Format für Bilder.

Verarbeiten

Der Fitness-Tracker ist ein kleiner Computer und kann diese Informationen verarbeiten. Aus der Start- und Stoppzeit sowie der zurückgelegten Strecke werden die Trainingsdauer und Laufgeschwindigkeit errechnet.

Die fortlaufend gespeicherten Einzeldaten können in einem zeitlichen Verlauf dargestellt werden. Der Sportler erhält eine facettenreiche Auswertung (siehe Abbildung unten) seines Lauftrainings oder die kumulierte Darstellung in Form eines gesamten Lauftagebuches.

Austauschen

Die Besonderheiten der Digitalisierung liegen in der digitalen Vernetzung, dem Austausch von Informationen. Der Tracker nutzt externe Services (Zeit, Maps, Wetter), um das Lauftraining mit wichtigen Informationen anzureichern. Alle Informationen sind standardisiert und korrelieren mit dem globalen Zeitstempel. Neben dem Import von Informationen kann der Sportler seinen Lauf in andere Systeme exportieren und dort weiterverarbeiten.

Auf die Digitalisierung übertragen bedeutet das: Der Unterschied zwischen der analogen Welt und der digitalen Zukunft besteht darin, dass werthaltige Informationen systematisch erfasst werden, ein nachgelagerter Prozess diese verarbeitet und die daraus gewonnenen Erkenntnisse ausgetauscht werden können.

Erkenntnisse aus digitalen Daten

Das Beispiel zeigt, dass die Digitalisierung einen Gewinn an Einsichten birgt. Stellen wir uns vor, unser Sportler läuft jeden Morgen ein Runde um einen See! Er trifft auf einen anderen Sportler, der um einen anderen See joggt. Die analoge Uhr liefert nicht genügend Daten, damit beide ihre Lauferfolge vergleichen könnten. Die größtmögliche Erkenntnis ist, dass erste Läufer 30 Minuten und der zweite 40 Minuten trainierte.

Mit der Digitalisierung werden weitaus mehr Informationen erhoben und bringen einen zusätzlichen, manchmal ungeahnten Erkenntnisgewinn. Die passende App [1] zu dem Fitness-Tracker zeigt eine Vielzahl von Resultaten, die es erlaubt, den eigenen Trainingserfolg wirklich zu bewerten und mit anderen Sportlern zu vergleichen.

Erkenntnisse aus Daten

Die Auswertung der digitalen Informationen ermöglicht es, beliebige Korrelationen aufzustellen sowie Häufungen und Anomalien zu identifizieren. Eine Erkenntnis könnte sein, dass unser Läufer dienstags immer etwas lustlos trainiert, aber sonntags früh bei 20 Grad und Sonnenschein seine beste Leistung zeigt.

Wie bereits beschrieben, ist der Austausch der Informationen mit anderen Systemen ein wichtiger Bestandteil der Digitalisierung. Die Trainingsdaten werden durch externe Services angereichert und erhöhen damit den Erkenntnisgewinn.

Andererseits können Daten auch in einem zentralen System zusammengeführt werden und zu einem übergeordneten Erkenntnisgewinn beitragen. Die Hersteller von Fitness-Trackern speichern alle Daten der angeschlossenen Tracker auf einem zentralen Server und über die App werden noch einmal zusätzliche Daten wie Geschlecht, Alter und Gewicht erhoben. Diese zentralisierten Datenbanken bestehen aus Millionen von Stammdaten (Usern) und Milliarden von Bewegungsdaten (Trainingseinheiten). Strava, Inc. (Sport App-Entwickler) demonstrierte 2017 eindrucksvoll die Macht der digitalen Informationen. Sie visualisierten 27 Milliarden Streckenkilometer in einer globalen Heatmap [2] .

Strava Heatmap

Jede zurückgelegte Strecke wurde kumuliert in einer Karte dargestellt und der Betrachter konnte von der globalen Ansicht bis auf die Straße hineinzoomen. Neben der offensichtlichen Erkenntnis der Nutzung des Fitness-Trackers ergab sich ein weiteres unbeabsichtigtes Ergebnis: Über die Laufwege konnten die geheimen Stützpunkte [3] der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan bis auf den Grundriss identifiziert werden. Dieses Beispiel zeigt, dass sich mit der Digitalisierung nicht nur das Offensichtliche, sondern auch verstecktes Wissen offenbart.

Die Hersteller von Fitness-Trackern besitzen einen Schatz an digitalen Informationen. Millionen von Nutzern liefern permanent Daten über sich als Person, die täglichen Aktivitäten und Beziehungen zu anderen. Bewegen sich zwei Tracker immer zur selben Zeit gleichermaßen um den See, so kann davon ausgegangen werden, dass hier eine soziale Verbindung besteht. Schon wenige Trainingsdaten ermöglichen viele Rückschlüsse auf Gesundheit, Lebenssituation und Präferenzen der Nutzer.

Bedeutung für Unternehmen

Die Analogie zur Armbanduhr verdeutlicht das Wesen der Digitalisierung mit wenigen klaren Worten. Sie wurde gewählt, um frei von den Zwängen des eigenen Unternehmens und der angebotenen Technologien ein Verständnis für den Charakter der Digitalisierung zu erlangen.

Was bedeutet dies für ein Unternehmen? Die Einordnung der traditionellen Unternehmen in die beschriebene Analogie legt nahe, dass fast alle Unternehmen wie Digital-Uhren agieren. Sie arbeiten im Kern analog und „täuschen“ die Digitalisierung nur vor.

Die nähere Betrachtung zeigt, das Unternehmen viel in Informationstechnologie investieren. Es gibt eine eigene IT-Abteilung, Serverfarmen, Business-Applikationen und auf jedem Bürotisch steht ein Desktop-Computer. Diese Ausstattung suggeriert einen Hauch von Digitalisierung und unterstützt doch nur die Elektrifizierung des Belegwesens (Angebot, Lieferung und Rechnung).

Viele Informationen aus der Geschäftstätigkeit werden überhaupt nicht erhoben. Hierzu zählen zum Beispiel Daten von Webbesuchern, Interessenten, Kundenbesuche, Reklamationen etc. Ohne die weitreichende und systematische Erhebung können Unternehmen diese werthaltigen Informationen weder speichern, noch verarbeiten oder austauschen. Der Erkenntnisgewinn tendiert gegen null.

Schaut man hinter die Kulissen der Unternehmen, gibt es einen klaren Grund für den Mangel an digitalen Informationen, denn die Abläufe in den Unternehmen sind immer noch geprägt von manuellen Tätigkeiten und Entscheidungen. Die interne Organisation ist – ähnlich einem mechanischen Uhrwerk – komplett analog.

Ein Austausch von Informationen, egal ob Anreicherung oder Verdichtung, war nie angedacht. Alle Informationen verharren isoliert und asynchron im Unternehmen. Diese sind zwar mit ihren Kunden, Lieferanten und Partnern vernetzt, aber nicht digital verbunden.

Digitalisierung mit Methode

Das Wesen der Digitalisierung zeigt eine schonungslose Wahrheit: Der Schritt vom „digital Vortäuschen“ hin zum „digital Handeln“ ist gewaltig. Aber, die innovativen Start-ups mit ihrer digitalen DNA zeigen, dass es geht. Sie digitalisieren alle verfügbaren Informationen, nutzen Funktionen und Algorithmen für die Verarbeitung, vernetzen sich mit Kunden und Partnern. Sie schaffen einen Mehrwert für den Kunden und reduzieren gleichzeitig ihre Kosten.

Etablierte Unternehmen versuchen dagegen, ihre analoge Welt am Leben zu erhalten, anstatt durch gezielte Maßnahmen die digitale Transformation einzuleiten. Es braucht einen starken Impuls, um den analogen Kern abzuschaffen und schrittweise durch digitale Workflows zu ersetzen. Vielleicht wäre es auch ratsam, das eigene Geschäftsmodell zu überprüfen oder dem Kunden eine Plattform anzubieten, so wie die App der Fitness-Tracker. Der Ursprung des Fitness-Trackers liegt nebenbei gesagt darin, dass jemand die Uhr neu gedacht hat.

Weitere Publikationen

Literaturverzeichnis

[1] Fitbit, Inc. - Dashboard der Fitbit-App [www.fitbit.com]

[2] Strava, Inc. - Strava Heatmap [www.strava.com]

[3] Förtsch , M. - Eine Fitness-App enthüllt geheime Militärbasen [www.gq-magazin.de]