Die fünf Gesetze der Digitalisierung

Der Begriff der Digitalisierung scheint ein Traumfänger zu sein. Er sammelt unsere Defizite, Versäumnisse, Träume und verspricht uns eine neue, anstrebenswerte Zukunft, projiziert auf ein einzelnes Schlagwort. Nahezu alle – Politiker, Verbände, Unternehmer – nutzen den Begriff inflationär und undifferenziert. Doch die Digitalisierung ist kein Traumfänger, sondern ein epochaler Produktivitätssprung. Sie braucht eine Grundlage, ein klares Verständnis und mehr Aufklärung. Diese fünf Gesetze ordnen die Digitalisierung.

Unwissenheit ist das Manko der Digitalisierung. Alle verwenden dieses mächtige Schlagwort, ohne es grundlegend zu kennen oder beschreiben zu können. Was ist die Digitalisierung, wo beginnt sie und wo endet sie? Die Antworten variieren, die Meinungen kollidieren, die Konturen sind nebulös.

In Gesprächen zeigt sich, dass die Digitalisierung nahezu unvorstellbar ist. Unternehmern erscheint es unverständlich, dass die Parameter des Erfolgs sich ändern. Selbst wenn die Digitalisierung erklärt und der Nutzen belegt ist, lehnen sie die digitale Welt ab. Sie sind verhaftet in der analogen Organisation und wollen die neue Zukunft nicht akzeptieren. Das ist unmöglich!

Immanuel Kant hat gesagt: „Glaube nur, was du verstehst.“ Es gilt, den Begriff der digitalen Strategie zu schärfen. Unternehmer brauchen eine Grundlage, ein homogenes Verständnis für den Dialog. Dieser Artikel ist der dritte Baustein einer wissenschaftlichen Beitragsreihe. Zuvor wurden bereits „Das Wesen der Digitalisierung“ [1] anhand von drei Armbanduhren erläutert und im zweiten Beitrag „Die drei Killerargumente der Digitalisierung“ [2] dargelegt. Die Intention hinter dieser Reihe ist es, die Digitalisierung zu erfassen, abzugrenzen und zu definieren.

Digitale Immanenz

Die Digitalisierung wird überwiegend als Schlagwort genutzt, aber sie ist auch ein Ding oder eine Sache, genau genommen ist sie eine elektronische Plattform – bestehend aus Hardware (Servern), Software (Applikation) und natürlich der Internetanbindung. Die Betrachtung der Digitalisierung als Plattform verleiht dem Begriff schon etwas Griffigkeit.

Die Digitalisierung ist immanent. Sie besitzt besondere Eigenschaften, die ihr als Sache innewohnen und sie auszeichnen. Sind diese Eigenschaften allgemeingültig, können sie zu Gesetzen erhoben werden. Gesetze schaffen Ordnung, indem sie die unveränderlichen Zusammenhänge zwischen bestimmten Dingen darlegen.

Bei den fünf Gesetzen der Digitalisierung handelt es sich um Notwendigkeiten und Korrelationen. Während das erste Gesetz eine unabdingbare Aussage darstellt, beschreiben die vier weiteren Gesetze jeweils eine Eigenschaft und den dazugehörigen Bezugspunkt. Die einfache Artikulation der Gesetze verleiht ihnen Prägnanz.

Prüfstein für den Erfolg

Die fünf Gesetze regeln die Digitalisierung. Unternehmer können ihre digitale Strategie anhand der Gesetze prüfen und Digital-Experten können ihre Konzepte anhand der Gesetze belegen. Sind die Gesetze erfüllt, sprechen wir von einer digitalen Strategie.

Sind die Gesetze nicht erfüllt, handelt es sich um etwas anderes. Nicht jedes Strategiepapier, welches die Digitalisierung im Titel trägt, folgt den Gesetzen der Digitalisierung. Viele Maßnahmen sind nur punktuelle Verbesserungen oder eine streckenweise Rationalisierung. Die Informationstechnologie entwickelt sich exponentiell, während sich die Unternehmen inkrementell entfalten. Viele Projekte sind sogenannte Pseudo-Digitalisierungen. Der Aufwand ist hoch, der Zeithorizont ist lang und die Wirkung ist gering. Sie lähmen die Unternehmen in ihrer Entwicklung, denn die Lücke zwischen dem Möglichen und dem Erreichten wächst weiter.

Die Pseudo-Digitalisierung ist tückisch, weil sie Träume einfängt und nichts liefert. Die digitale Zukunft wird mit Schlagworten versprochen, doch am Ende wird die Digitalisierung nur vorgetäuscht. Forschungen zeigen, dass die Digitalisierung durch drei Nutzenargumente vorangetrieben wird: die Steigerung der Produktivität, die Reduktion der Kosten und die Erhöhung des Customer Value. Werden diese drei Ziele nicht adressiert, bleibt die Digitalisierung ein Traumfänger.

Die fünf Gesetze bilden einen Prüfstein für die Entwicklung digitaler Strategien. Unternehmer können anhand einfacher Regeln eine Pseudo-Digitalisierung erkennen und abwenden. Sind die Regeln erfüllt, handelt es sich um eine „echte“ Digitalisierung.

Gesamtnutzen digitaler Strategien

Die Gesetze der Digitalisierung

Ein Würfel ist für uns alle leicht zu erkennen. Er besitzt zwölf Kanten, acht Ecken und sechs gleich große Flächen. Diese Eigenschaften beschreiben sein Wesen und unterscheiden ihn von anderen geometrischen Figuren. Nur welche Eigenschaften besitzt die Digitalisierung?

Die Eigenschaften der Digitalisierung sind greifbar. Sie liegen für jedermann offen, doch braucht es ein Umdenken, vielleicht sogar ein radikales Umdenken. Unsere analoge Prägung blockiert uns, sie zeigt uns Grenzen, welche es in der digitalen Welt nicht gibt. Bei genauer Betrachtung offenbaren sie neue Wahrheiten, die wir erst akzeptieren müssen.

Die fünf Gesetze zeigen Leitlinien für die Entwicklung digitaler Strategien. Sie beschreiben die unveränderlichen Zusammenhänge der Digitalisierung und sind auf jedes plattformbasierte Geschäftsmodell anwendbar. Sie legen keine technischen Details dar, sondern zielen auf den wirtschaftlichen Nutzen. Es ist offensichtlich, dass jedes einzelne Gesetz eine Brisanz birgt, die zunächst verinnerlicht werden will.

#1 Die Digitalisierung ist unabwendbar

Die Digitalisierung ist ein epochaler Produktivitätssprung mit dem Charakter einer industriellen Revolution. Der Produktivitätssprung macht die Digitalisierung unabwendbar.

Der Produktivitätssprung bedeutet, das Unternehmen die Kosten senken, die Produktivität steigern und den Customer Value erhöhen.

Diese drei Nutzenargumente heben den zukünftigen Wettbewerb auf ein neues Niveau. Die Digitalisierung kann inkrementell oder aber disruptiv erfolgen. Sie kann eine Branche früher oder später erfassen. Aber der anstehende Produktivitätssprung wird kommen und markiert bereits heute die vierte industrielle Revolution. Das ist unausweichlich.

#2 Algorithmen ersetzen Mitarbeiter

Die Digitalisierung eliminiert systematisch die manuelle und geistige Arbeit in den operativen Prozessen. Sie ersetzt den Mitarbeiter durch Algorithmen. Die Algorithmen übernehmen alle für den Prozess relevanten Tätigkeiten, Berechnungen und Entscheidungen.

Plattformen basieren auf Algorithmen, das ist ihre Eigenschaft. Das Gesetz lautet: Algorithmen ersetzen Mitarbeiter, denn die Digitalisierung eliminiert die operative Arbeit.

#3 Informationen bergen Erkenntnisse

Plattformen nutzen jede verfügbare Datenquelle und erheben Informationen zu Erkenntnissen. Erkenntnisse sind kumulierte Kennzahlen, zeitliche oder geografische Auswertungen, Häufungen, Prognosen oder Anomalien.

Alle Erkenntnisse basieren auf Fakten bereits getätigter Transaktionen oder Prognosen für zukünftige Transaktionen. Die Data Driven Company wird Realität.

#4 Plattformen formen Netzwerke

Plattformen formen sich zu Netzwerken. Sie erheben, speichern und verarbeiten Informationen, reichern diese durch weitere Quellen an, lagern Teile des operativen Prozesses aus und vernetzen Kunden, Lieferanten, Partner und Produkte digital.

Plattformen erscheinen uns monolithisch, doch ist ihre Struktur die eines komplexen Netzwerkes. Oft verbergen sie den Austausch von Informationen vor uns, dabei ist er eine bemerkenswerte Eigenschaft.

#5 Beschleunigung schafft Dominanz

Digitale Geschäftsmodelle brauchen eine Explosion des Transaktionsvolumens, denn jede weitere Transaktion steigert die Produktivität und reduziert nochmals die Grenzkosten. Es ist notwendig, die Ausbringungsmenge den neuen Produktionsfaktoren anzupassen.

Die Beschleunigung schafft Dominanz, da der Marktteilnehmer mit der höchsten Ausbringungsmenge einen uneinholbaren Wettbewerbsvorteil aufbaut. Das Konzept der Beschleunigung ist Teil der digitalen Strategie und Dominanz ist die Eigenschaft für den Erfolg.

Neue Produktivität

Die Digitalisierung erwächst aus neuer Technologie, während die digitale Transformation den Übergang von der analogen Organisation zum digitalen Geschäftsmodell beschreibt. Initialer Ausgangspunkt ist immer die digitale Strategie.

Die digitale Strategie wird eigentlich definiert als Teil der Unternehmensstrategie und skizziert, wie Unternehmen auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagieren. Doch diese Denkweise unterliegt einem Fehler. Die unternehmerische Herausforderung liegt nicht im technologischen Wandel, sondern im anstehenden Produktivitätssprung.

Für die Strategie bedeutet dies, dass sie beantworten muss, wie ein Unternehmen auf den Produktivitätssprung reagiert, denn die Technologie ist nur das Werkzeug. Die bessere Definition lautet daher: „Die digitale Strategie umfasst alle Maßnahmen zur Realisierung des durch digitale Technologien erreichbaren Produktivitätsgewinns.“

Immanuel Kant war der Vordenker der Aufklärung. Seine klaren Gedanken legen uns nahe, dem eigenen Verstand zu vertrauen. Die Digitalisierung liegt jedem offen, sie ist präsent und sie ist planbar.

Die fünf Gesetze bringen Ordnung in die digitale Welt und helfen, die neuen Zusammenhänge zu verstehen. Sie sind Grundlage für die Kommunikation mit Mitarbeitern, Managern, Experten und Systemanbietern. Es gilt aufzuklären, um die Unwissenheit zu beseitigen und sich zu öffnen, um das Unvorstellbare zu erkunden. Es braucht nur einen Impuls, einen Auslöser.

Weitere Publikationen

Literaturverzeichnis

[1] Bauriedel , S. - Das Wesen der Digitalisierung.

[2] Bauriedel , S. - Die drei Killerargumente für die Digitalisierung.